5. Mai 2011

Viele Argumente und ein konkretes Angebot

 

„Wir wollen mehr“ war die Überschrift der Podiumsdiskussion und thematisierte die Teilhabe von Jungendlichen an politischen Entscheidungen.

Landtagsabgeordnete alle Fraktionen und Kommunalpolitiker sind der Einladung des 12. Jahrgangs der IGS gefolgt und stellten sich den Fragen der Schüler. Das „Osterholzer-Kreisblatt“ und der „Osterholzer-Anzeiger“ berichten über diesen interessanten Abend.

 
 

5. März 2011

Podiumsdiskusion „Wir wollen mehr“

Osterholzer Kreisblatt, 9.04.2011

Schüler der Integrierten Gesamtschule diskutierten einen Abend lang mit Abgeordneten über politische Teilhabe

Viele Argumente und ein konkretes Angebot

Daniela Behrens (SPD), Gero Hocker (FDP), Marie Jordan (CDU), Hans-Jürgen Klein (Bündnis90/Die Grünen), Marianne König (Linke), Landrat Jörg Mielke, Elke Twesten (Bündnis90/Die Grünen) und der Osterholz-Scharmbecker Bürgermeister Martin Wagener: Acht Landtags- bzw. Kreistagsabgeordnete aller Fraktionen sowie Kommunalpolitiker waren der Einladung von Oberstufenschülern der Leistungskurse Politik an der Integrierten Gesamtschule (IGS) gefolgt, um beim "Politikkulturabend" über die Teilhabe von Jugendlichen an politischen Entscheidungen zu debattieren. Rund 100 Schülerinnen und Schüler verfolgten gebannt die professionell organisierte Podiumsdiskussion in der Schulmensa am Donnerstagabend.
"Jugendliche werden zu wenig in die Politik integriert. Uns fehlt der Anlass, wählen zu gehen", konstatierte der Moderator Felix Lichte die Ausgangsthese mit Blick auf die aktuelle Shell-Studie. "Es wird über uns entschieden, aber ohne uns", sagte Bent Evers und Schülersprecher Yunes Emir sekundierte: "Wir interessieren uns, aber werden wir auch gehört?".
Mehr Mitspracherecht, mehr Transparenz, mehr Informationen, mehr Ansprache, mehr Raum für kreative Ideen, schnellere Umsetzung von politischen Entscheidungen: Die Liste der Forderungen der diskutierenden Oberstufenschüler Bent Evers, Yunes Emir, Niklas Sense, Gerrit Büttelmann und Filip Wätjen war lang.
Nicht nur Bringschuld
Die Berufspolitiker konterten: Es gebe nicht nur eine Bringschuld seitens der Politik, sondern auch eine Holpflicht für die politische Partizipation. Sie haben Verständnis für die Forderungen der Jugendlichen: "Jugendbeteiligung ist eine Bereicherung. Sie ist aber die Ausnahme, nicht die Regel", gab Elke Twesten zu. Auch Jörg Mielke räumte ein: "Wir kommen schlecht miteinander ins Gespräch. Es gibt wenig Räume, wo man sich begegnet". Alle Politikerinnen und Politiker verwiesen auf die Möglichkeit zum Engagement in den Jugendorganisationen der Parteien, in einem Jugendparlament (wie in der Gemeinde Grasberg und im Landkreis Cuxhaven) oder in Gremien, wie etwa dem Schulausschuss oder dem Schülerrat. Zudem könne man auf kommunaler Ebene bereits mit 16 Jahren wählen. Sie betonten aber einhellig: "Politische Mitgestaltung hat Regeln, die müssen gelernt werden". Dabei dürfe man auch nicht ungeduldig sein: "Politische Prozesse sind langwierig und von vielen Kompromissen
geprägt", so Gero Hocker. "Wer sich beteiligen will, muss ernst genommen werden. Das habt ihr mit der Organisation dieses Abends bewiesen", lobte Marie Jordan die Organisatoren.
"Als ich 16 war, wollte ich die ganze Welt verändern. Mich hat beeindruckt, dass ihr auf die Kommunalpolitik so großen Wert legt. Das ist intelligent, denn das ist die Ebene, wo man was bewegen kann", sagte Hans-Jürgen Klein. Der Schüler Bent Evers und seine Mitstreiter gaben sich damit nicht zufrieden: "Wir wollen in der Bildungspolitik mitreden. Da kennen wir uns aus."
Ein konkretes Angebot machte Landrat Dr. Jörg Mielke den Jugendlichen: "Ich lade euch ein, mit mir zusammen die Internetpräsenz des Landkreises so zu überarbeiten, dass sie mehr junge Leute anspricht". Auf eine weitere Möglichkeit machte Daniela Behrens aufmerksam. Während einer Hospitation bei einem Landtagsabgeordneten könnten Schüler tiefere Einblicke in das politische Tagesgeschäft bekommen. Diese werde von Abgeordneten aller Fraktionen angeboten.
Die Idee des "Politikkulturabends" entstand aus einem Besuch des 12. Jahrgangs der IGS im Niedersächsischen Landtag in Hannover. Der Diskussionsabend wurde von Marie Bock, Fionn Heinemann, Lotta Hoffmann, Hella Knoop, Felix Lichte und Mareike Wohltmann organisiert. Betreuende Lehrkräfte sind Sabine Beyer-Stock und Anne Krüger.

 

Osterholzer Anzeiger, 10.04.11

„Wenn was ist, melden!“

IGS-Oberstufe lud zur politischen Podiumsdiskussion

Auf dem Podium in der IGS-Mensa zeigten die Jugendlichen der Oberstufe den eingeladenen überwiegend im Landtag arbeitenden Politikern, dass sie durchaus an Politik interessiert sind.

„Wir wollen mehr“ war die Überschrift des Diskussionsabends. Die Meinung des Schülers Bent Evers war, dass man wohl über Jugend und Bildung debattiere. „Man debattiert über uns, aber ohne uns.“ Wichtig seien doch auch in der Politik Erfolgserlebnisse, um sich überhaupt dafür zu interessieren.

Hans-Jürgen Klein, Landtagsabgeordneter der Bündnis90/Grünen in Hannover für die Landkreise Stade, Cuxhaven und Osterholz, griff dieses Argument auf. „Ich bin seit 30 Jahren in der Politik, seit 13 Jahren im Landtag in der Opposition – da könnt ihr euch meine Erfolgserlebnisse vorstellen“, sagte er, um gleich darauf den Vorschlag für eine andere Perspektive zu machen: „In den letzten 30 Jahren hat sich einiges verändert. Und ich habe es als kleines Rädchen mit weitergedreht.“ Auch seine Einstellung habe sich geändert: „Niederlagen muss man mit einrechnen.“ Aber alles sei für irgendwas gut.

Auch Dr. Gero Hocker, umweltpolitischer Sprecher der Niedersachsen-FDP, gab einen Einblick in das wahre Politikleben, in dem nicht einer allein die Macht habe. Politische Arbeit sei eine Arbeit der Kompromisse, das sei die Demokratie.

Politische Beteiligung erwünscht

Yunes Emir, ein weiterer Oberstufenschüler auf dem Podium, forderte Mitbestimmungsrecht für höhere Schülergremien wie den Landesschülerrat, der lediglich eine beratende Funktion habe. „Sehen Sie überhaupt die Notwendigkeit, dass sich Jugendliche beteiligen?“, fragte Moderatorin und Oberstufenschülerin Hella Knoop. Diese Frage beantworteten Elke Twesten (Landtagsgrüne), Gero Hocker, Bürgermeister Martin Wagener, Daniela Behrens (MdL SPD), Landrat Dr. Jörg Mielke, Hans-Jürgen Klein, Marie Jordan (CDU-Kreistagsfraktion) und Marianne König der Landtags-Linken ausnahmslos mit „Ja, Beteiligung erwünscht und benötigt“, aber wie das genau aussehen sollte, ob mit oder ohne Jugendparlament, das war einer der Nebenstränge des Diskussionsabends. Eine Mitbestimmung der Schüler auf Landesebene sah Marie Jordan allerdings kritisch: „Das sind allesamt Berufspolitiker im Landtag. So nebenbei ist diese Arbeit nicht erbringbar.“ Elke Tweste stimmte Yunes zu: „Die Jugendarbeit hat einen zu geringen Stellenwert und ist einfach noch kein Standortfaktor für Kommunen.“ Marie Jordans Sicht aus rein kommunaler Ebene war jedoch anders: „Die Politiker wollen zufriedene Jugendliche, die später gern bleiben.“

„Mischt mit!“

Politik sei mehr als diese Veranstaltung, sagte Landrat Mielke. „Politik beginnt mit der Diskussion, ob im Winter das Fenster fünf oder zehn Minuten geöffnet wird. Und je mehr sich an der Diskussion beteiligen, desto komplizierter wird es, und es werden Regeln erforderlich.“ Mit „Regeln“ und „Jugend“ prallten zwei Kulturen aufeinander, das wisse er aus eigener Erfahrung, als 1976 seine Initiative in seiner Heimatstadt für ein autonomes Jugendfreizeitheim negativ beschieden wurde. „Heute weiß ich, dass die Politik und wir Jugendlichen damals einfach schlecht miteinander ins Gespräch gekommen sind.“ Er forderte die jungen Leute auf: „Wenn was ist, melden!“ Auch der Bürgermeister der Stadt Martin Wagener stieß in dieses Horn: „Mischt euch ein, denn ihr müsst es auch ausbaden. Sucht euch eure Ausdrucksmöglichkeiten, seid total kreativ ohne facebook oder so’n Zeugs. Das Rathaus, das Kreishaus, da kann mal auch mal hingehen. Das ist nicht zu.“

Infos werden nicht in den Schoß gelegt

IGS-Schüler Niklas Sense unterrichtete die Anwesenden über die Demo in Hannover gegen die Schulreform und darüber, dass die Bildungsministerin Niedersachsens die zehntausend Demonstranten einfach ignoriert habe und zu Gesprächen nicht bereit gewesen sei. „Gespräche abbrechen ist keine Demokratie“, fand auch Landrat Mielke. Demokratie sei aber ein Mehrheitsbeschluss, auch wenn er nicht der eigenen Meinung entspreche. „Für Kreativität gibt es in der Politik keine Bonuspunkte, aber sie kann Mehrheiten verändern.“ Er wie auch der Bürgermeister und die Landtagsabgeordneten luden die jungen Menschen ein zu intensiveren Gesprächen, zur Mitarbeit an der „schnarchlangweiligen“ Landkreis-Homepage oder zum Hospitieren im Landtag. Selbstkritisch merkten die Schüler wie Bent Evers an, dass einem politische Information nicht in den Schoß gelegt werden könne. „Dafür muss man schon was tun.“ Und auch wenn man sich für das Annehmen der Einladung der Gäste bedankte, so wie es ein junger Gastredner tat, blieb ihm auch nur noch die Bemerkung, dass es nur eine Partei gebe, die direkt auf die Schule zugehe, und das sei die NPD. „Und das ist doch traurig“, kommentierte er das. Jeder solle sich einmischen in das politische System der Parteien („alle demokratischen Parteien sind irgendwo gut“), so sagte Hocker zum Schluss. „Sonst sitzen da Leute, die ihr da garantiert nicht sitzen haben wollt.“

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